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Wenn Erfahrung auf Neuland trifft

Autorenbild: Tanja Friederichs
Tanja Friederichs
20. Aug.
6 Min. Lesezeit

Über einen beruflichen Neuanfang mit Ende 50, die Lust auf Entwicklung – und darüber, was entstehen kann, wenn wir nicht schon vorher alle Antworten kennen.



Nina war viele Jahre erfolgreich im Personalbereich tätig. Sie hatte Erfahrung, kannte ihr Handwerk und wusste, wie Menschen und Organisationen funktionieren. Eigentlich hätte sie diesen beruflichen Weg einfach weitergehen können.


Und trotzdem waren da schon seit einiger Zeit diese Fragen:


Ist es das noch, was ich machen möchte?

Möchte ich die nächsten Jahre wirklich genauso weitermachen?

Oder gibt es da noch etwas anderes für mich?


Es gab keinen konkreten Plan für einen Wechsel. Auch keine fertige Vorstellung davon, was dieses „Andere“ sein könnte.


Da war zunächst nur das Gefühl, dass diese Fragen gestellt werden wollten.

Ich durfte Nina als Coach in dieser Phase begleiten.

In unseren Gesprächen ging es nicht darum, möglichst schnell eine neue berufliche Option zu finden. Wir schauten vielmehr darauf, was ihr in ihrer bisherigen Tätigkeit fehlte, was ihr weiterhin wichtig war und was sie in den kommenden Jahren noch lernen oder gestalten wollte.


Wir waren mitten in diesem Prozess, als sich die äußeren Umstände plötzlich veränderten. Nina erhielt eine betriebsbedingte Kündigung.


Eine Kündigung kann auch eine Chance sein


Die Frage, ob Nina ihren bisherigen Arbeitsplatz verlassen sollte, stellte sich damit nicht mehr. Die Entscheidung war gefallen – nur nicht von ihr. Natürlich war die Kündigung zunächst ein Einschnitt. Und sie brachte eine sehr konkrete Frage mit sich:


Was nun?


Wieder eine Aufgabe im Personalbereich suchen?

Dort weitermachen, wo ihre bisherige Karriere aufgehört hatte?


Das wäre naheliegend gewesen. Schließlich verfügte Nina über viele Jahre Erfahrung und ein entsprechendes berufliches Profil.


Aber genau jetzt bekam eine ihrer ursprünglichen Fragen eine neue Bedeutung:


Wenn ich ohnehin neu anfangen muss – möchte ich dann wirklich einfach dort weitermachen, wo ich aufgehört habe?


Eine Kündigung beendet etwas. Manchmal unerwartet und ohne dass man selbst diese Entscheidung getroffen hat.


Aber eine Kündigung kann auch eine Chance sein.


Eine Chance, nicht sofort nach dem möglichst ähnlichen nächsten Job zu suchen, sondern sich zu fragen:


Was möchte ich eigentlich?


Für Nina bedeutete das: Sie musste nicht mehr darüber nachdenken, ob sie das Bekannte verlassen sollte. Es war bereits beendet.


Will ich überhaupt noch arbeiten?

Nina war Ende 50.

Und damit durfte auch diese Frage gestellt werden:


Will ich überhaupt noch arbeiten?


Nicht als Ausdruck von Resignation. Sondern als echte Wahlmöglichkeit.

Welche Rolle sollte Arbeit in ihrem Leben noch spielen? Was war ihr daran wichtig? Und was würde ihr fehlen, wenn sie nicht mehr arbeiten würde?

Die Antwort wurde ziemlich schnell deutlich:


Nina wollte arbeiten.


Sie wollte lernen, sich weiterentwickeln, ihre Erfahrung einbringen und weiterhin etwas gestalten. Aber wenn sie schon neu beginnen musste, wollte sie nicht automatisch das wiederholen, was sie ohnehin schon konnte. Damit hatte sich ihre Ausgangsfrage verändert.


„Ist es das noch, was ich machen möchte?“

„Wenn ich jetzt neu wählen kann – was möchte ich dann eigentlich machen?“


Dann kam ein Angebot, das eigentlich gar nicht passte


Zumindest nicht auf den ersten Blick.


  • Statt Mittelstand: Start-up.

  • Statt klassischer HR-Arbeit: beim Aufbau eines neuen Bereichs mitwirken.

  • Statt vertrauter Themen: ein eher baunahes Umfeld.


Nina kannte die Branche nicht. Sie konnte nicht einfach sagen: Das habe ich die vergangenen 20 Jahre gemacht, das kann ich. Und vielleicht lag genau darin der Reiz.

Natürlich stellte sie sich die Frage:


Kann ich das überhaupt?


Im Coaching wurde aber eine andere Frage zunehmend interessanter:


Was von dem, was ich bereits kann, könnte gerade dort wertvoll sein, wo ich noch nicht alles kann?


Denn Nina würde in vielem wieder Anfängerin sein. Aber sie würde nicht bei null anfangen. Sie brachte Erfahrung mit Menschen und Organisationen mit. Sie hatte Veränderungen begleitet, Konflikte erlebt, Verantwortung übernommen und wusste, was passiert, wenn Menschen gemeinsam etwas aufbauen wollen. All das verschwindet nicht, nur weil man die Branche wechselt.


Man darf wieder Anfängerin sein, ohne unerfahren zu sein.


Und genau diese Verbindung wurde für unseren Coachingprozess entscheidend.

Nina musste sich nicht zwischen ihrer bisherigen Erfahrung und etwas völlig Neuem entscheiden. Die spannendere Frage war:


Was kann entstehen, wenn beides zusammenkommt?


Als Coach musste ich die Antwort nicht kennen


Meine Aufgabe war nicht, Nina zu sagen, welchen Weg sie gehen sollte.

Natürlich konnten wir Argumente sammeln. Was spricht für die Aufgabe? Was dagegen? Was reizt sie? Was hält sie zurück?


Aber am Ende hätte ich Nina nur meine Entscheidung geben können.

Nicht ihre.


Coaching bedeutete an dieser Stelle für mich vor allem, einen Raum zu schaffen, in dem auch widersprüchliche Gedanken nebeneinanderstehen durften.


Die Lust auf etwas Neues und die Unsicherheit darüber, ob es funktionieren würde.

Die jahrzehntelange Erfahrung und das Gefühl, wieder Anfängerin zu sein. Der Wunsch, sich wirklich einzulassen, und gleichzeitig die Erkenntnis, heute nicht wissen zu können, wie man in einigen Jahren darüber denken wird. Nicht jeder Widerspruch muss sofort aufgelöst werden.


Manchmal entsteht gerade daraus eine neue Perspektive.


Befristet oder unbefristet?


Das zeigte sich besonders deutlich bei einer Frage, die zunächst sehr pragmatisch klang.

Sollte Nina die neue Aufgabe befristet beginnen?

Das hatte durchaus Charme. Beide Seiten könnten sich kennenlernen. Nina könnte herausfinden, ob Start-up, Branche und Aufgabe tatsächlich ihre Welt sind.

Oder sollte sie sich auf eine unbefristete Anstellung einlassen?

Und hier entstand ein innerer Konflikt.

Nicht wegen der Sicherheit.


Sondern wegen der Verbindlichkeit.

Nina nahm Verbindlichkeit ernst.

Was, wenn sie nach einigen Monaten feststellt:


Das ist es doch nicht?

Was, wenn sie dann kündigt?

Hat sie eine Erwartung enttäuscht?

Steckt in einem unbefristeten Arbeitsvertrag nicht irgendwie das Versprechen:

Ich komme, um zu bleiben?


Aus einer Frage nach der Vertragsform wurde eine sehr persönliche Frage:

Was bedeutet es für mich, mich auf etwas wirklich einzulassen?


Verbindlichkeit ist keine Garantie


Niemand kann beim Start in einen neuen Job wissen, wie er einige Jahre später darüber denken wird.


  • Nina nicht.

  • Und das Unternehmen genauso wenig.


Verbindlichkeit kann deshalb etwas anderes bedeuten.Sich ernsthaft auf eine Aufgabe einzulassen. Verantwortung zu übernehmen. Bereit zu sein, zu lernen. Und dem gemeinsamen Weg eine echte Chance zu geben.


Verbindlichkeit bedeutet, es ernst zu meinen. Nicht, heute schon versprechen zu müssen, wie man morgen entscheiden wird.


Nina musste also nicht wissen, ob dieser Job für immer der richtige sein würde.

Sie musste entscheiden, ob sie bereit war, sich jetzt wirklich darauf einzulassen.


Und genau hier entsteht für mich Symergenz


Wenn ich heute auf Ninas Coachingprozess zurückblicke, liegt für mich das Spannende nicht nur darin, wofür sie sich entschieden hat.

Sondern darin, wie diese Entscheidung entstanden ist.

Da war eine Frau mit jahrzehntelanger Berufserfahrung – und die Bereitschaft, noch einmal Anfängerin zu sein.


Da war der Wunsch nach Verbindlichkeit – und gleichzeitig das Wissen, nicht versprechen zu können, dass der neue Weg für immer der richtige sein würde.

Da war die Unsicherheit darüber, wohin dieser Weg führen würde – und gleichzeitig die Bereitschaft, sich darauf einzulassen.


Im Coaching ging es nicht darum, einen dieser Pole aufzulösen. Es ging darum, sie miteinander in Verbindung zu bringen.


Und genau darin liegt für mich Symergenz. Nicht das eine gegen das andere auszuspielen, sondern zu schauen, was aus der Verbindung entstehen kann.


Nina musste ihre bisherige Erfahrung nicht hinter sich lassen, um etwas Neues zu beginnen. Sie konnte sie mitnehmen. Und auch das Start-up bekam nicht einfach eine Mitarbeiterin, die eine Stellenbeschreibung möglichst genau erfüllte.

Es bekam einen Menschen mit Erfahrungen und Perspektiven aus einer anderen beruflichen Welt.


Erfahrung traf auf Neuland.


Und daraus konnte etwas entstehen, das am Anfang noch niemand genau hätte beschreiben können.


Vielleicht brauchen wir ein anderes Bild vom letzten Berufsdrittel


Wir sprechen viel darüber, dass Menschen länger arbeiten sollen.

Vielleicht sollten wir häufiger darüber sprechen, wie sie diese Berufsjahre verbringen möchten.


Ein längeres Berufsleben muss nicht automatisch bedeuten, länger das Gleiche zu tun.

Wer 25 oder 30 Jahre in einem Bereich gearbeitet hat, muss nicht zwangsläufig die nächsten zehn Jahre dort verbringen. Vielleicht liegt gerade in dieser Lebensphase eine besondere Möglichkeit. Man kennt die eigenen Stärken besser. Man weiß eher, was einem wichtig ist – und häufig auch, was man nicht mehr möchte.


Und vielleicht sollten auch Unternehmen bei erfahrenen Bewerberinnen und Bewerbern weniger fragen: Hat dieser Mensch genau diese Aufgabe schon einmal gemacht?


Sondern häufiger:


Was könnte dieser Mensch mit seiner Erfahrung in unserem Umfeld möglich machen?


Erfahrung muss nicht bedeuten, das Bekannte immer weiterzuführen.

Sie kann auch das Fundament sein, von dem aus man noch einmal etwas Neues wagt.


Der Schritt ins Unbekannte


Nina wusste nicht, wie sich der neue Job entwickeln würde. Ich wusste es auch nicht.


Wir hatten viel besprochen, Fragen gestellt und Möglichkeiten abgewogen. Eine Gewissheit, dass dieser Weg der richtige sein würde, gab es am Ende trotzdem nicht.

Aber Nina wollte wissen, was noch möglich ist.

Sie wollte lernen, gestalten und sich noch einmal in einer Umgebung erleben, in der sie nicht bereits alle Antworten kannte. Und sie traf eine bewusste Entscheidung:


Sie verließ ihre Komfortzone.


Nicht leichtfertig. Sondern in dem Wissen, dass sie nicht alles hinter sich lassen musste, nur weil sie etwas Neues begann. Nina entschied sich für das Start-up, für die neue Branche und für eine Aufgabe, bei der sie noch vieles lernen würde. Ihre Erfahrung ließ sie dabei nicht zurück.


Sie nahm sie mit ins Unbekannte.


Für mich ist genau das vielleicht der wichtigste Gedanke aus unserer gemeinsamen Arbeit:


Ein Neuanfang bedeutet nicht, bei null anzufangen. Und wir müssen auch nicht wissen, wie er ausgeht.


Nina wusste, warum sie ihn wagen wollte.


Ihre Neugier war größer als ihre Unsicherheit.

 
 
 

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