„Ich will mehr Gehalt. “Und manchmal geht es um etwas ganz anderes.
- Tanja Friederichs

- 25. Feb.
- 3 Min. Lesezeit

Vor einiger Zeit saß ein Key Account Manager bei mir im Coaching. Sein Anliegen war klar formuliert:
„Ich möchte mehr Gehalt. Und wenn mein Chef meine Leistung nicht sieht, dann gehe ich.“
Ein klarer Satz.Und gleichzeitig ein sehr verletzlicher. Denn in solchen Momenten geht es selten nur um Geld.
Was hinter der Forderung wirklich liegt
Wenn Menschen mehr Gehalt fordern, sprechen wir schnell über Marktwert, Benchmarks oder Budgets.
Doch im Coaching höre ich etwas anderes:
„Werde ich noch gesehen?“
„Wird meine Entwicklung wahrgenommen?“
„Bin ich hier noch auf dem richtigen Weg?“
„Oder bin ich austauschbar geworden?“
Das sind keine finanziellen Fragen. Das sind Fragen nach Identität und Wirksamkeit.
Und sie entstehen oft lange, bevor eine Bewerbung geschrieben wird.
Der Perspektivwechsel – ein zentraler Schritt in der Symergenz-Arbeit
Seine Zahlen waren gut. Seine Umsätze belegbar. Seine Vorgesetzte hatte ihm einen Termin beim Geschäftsführer organisiert – aber keine Unterstützung für die Argumentation gegeben.
Wir sind im Coaching nicht mit einer Gehaltssumme gestartet.
Sondern mit einem Perspektivwechsel.
Wie denkt ein Geschäftsführer?
Welche Verantwortung trägt er?
Welche Zusammenhänge sieht er, die ein Key Account Manager vielleicht nicht sieht?
Wie wirkt eine Forderung im Gesamtsystem des Unternehmens?
In meiner Arbeit nenne ich diesen Ansatz Symergenz – die Verbindung aus systemischem Denken und dem Prinzip der Emergenz.
Wir betrachten nicht nur das Anliegen. Wir erweitern den Blick auf das gesamte System.
Und aus dieser erweiterten Wahrnehmung entsteht oft etwas Neues – etwas, das vorher nicht planbar war.
Was wollte er wirklich?
Im nächsten Schritt wurde es persönlicher.
Warum wollte er jetzt mehr Gehalt?
Die ehrliche Antwort war nicht Geld.
Es war Anerkennung. Es war das Bedürfnis, in seiner Entwicklung gesehen zu werden.
Als ihm das bewusst wurde, veränderte sich seine innere Haltung.
Es ging nicht mehr um eine starre Zahl. Es ging um eine stimmige Zukunft.
Und genau hier zeigt sich Emergenz: Wenn Klarheit entsteht, wird Bewegung möglich.
Die Vernissage der eigenen Wirksamkeit
Im dritten Schritt sind wir sehr konkret geworden.
Wir haben seine Ergebnisse sichtbar gemacht – detailliert und ohne Bescheidenheit.
Nicht nur Umsätze. Sondern Wirkung:
Welche Kundenbeziehungen hatte er aufgebaut?
Welche strategischen Impulse gesetzt?
Welche schwierigen Situationen getragen?
Welche persönlichen Kompetenzen eingebracht?
Wir haben all das wie eine kleine Vernissage seiner eigenen Wirksamkeit betrachtet.
Er schaute darauf und sagte leise:
„Ich wusste, dass ich gut bin. Aber ich wusste nicht, was ich wirklich bewege.“
In diesem Moment veränderte sich etwas Entscheidendes.
Er ging nicht mehr ins Gespräch, um etwas zu bekommen. Er ging hinein mit Klarheit über seinen Wert – und mit Verständnis für das System.
Das Ergebnis
Er erhielt nicht nur eine Gehaltserhöhung. Es wurde eine neue Position für ihn geschaffen.
Und der Geschäftsführer schrieb ihm anschließend:
„Meine Hochachtung für Deinen Mut. Für Dich einzustehen und um Deine Zukunft zu kämpfen, finde ich klasse. Deine Entwicklung ist sichtbar und Du bist sehr wertvoll für das Unternehmen.“
Was hier gewürdigt wurde, war nicht nur Leistung. Es war Haltung.
Was bedeutet das für Führungskräfte?
Wenn Mitarbeitende mehr Gehalt fordern, hören Sie nicht nur die Zahl.
Hören Sie den Entwicklungsimpuls dahinter.
Oft ist es der Wunsch nach Resonanz. Nach Sichtbarkeit. Nach Zukunft.
Wer diese Gespräche systemisch versteht, bindet Menschen nicht über Geld –sondern über Bedeutung.
Und für Menschen, die über Veränderung nachdenken
Wenn Sie über mehr Gehalt nachdenken, fragen Sie sich ehrlich:
Geht es wirklich um Geld?Oder geht es darum, dass Sie sich nicht mehr gespiegelt fühlen?
Berufliche Neuorientierung beginnt selten mit einer Bewerbung.Sie beginnt mit einem inneren Prozess.
Symergenz bedeutet für mich: Diesen Prozess bewusst zu machen – im Kontext des Systems – damit aus Unsicherheit Klarheit entsteht und aus Klarheit neue Möglichkeiten.
Manchmal braucht es keinen neuen Arbeitgeber. Sondern einen neuen Blick.



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